Office Blues (IX.1) – Personalverantwortung
Der sechsundzwanzigste Juli diesen Jahres war furchtbar. Auch wenn zunächst nichts darauf hinzuweisen schien. Er begann genauso langweilig, wie mein Bericht hier floskelhaft mit meiner täglichen Routine aus An-die-Decke-starren und dem “Was-mach-ich-hier-eigentlich?”-Morgengebetsmantra, mit dem ich an jedem meiner Tage versuche, jeglichen Anflug von Motivation zu untergraben. Sogar recht nachhaltig, was dann auch die Schnittmenge von Erfolg, Beruf und mir umreißt und erklärt. Die Deckenhypnose ist jedenfalls eine schöne und lange Tradition, die weitaus weniger Energie als meinetwegen der gute, alte Morgenfick verbraucht und einen dabei in etwa so energiegeladen zurücklässt. Ein weiteres Plus ist die Verzicht auf eine Partnerin, was mir beim Steingarten meines Gefühlslebens nur Recht sein kann.
Nachdem ich die Socken aus der Kaffeetasse und die Zeitung aus dem Toilettenbecken gefischt hatte, fügte sich das weiße Rauschen des gestrigen Abends zu einem Bild, welches zwar den Geschmack in meinem Mund und das Philip-Glass-Orchester in meinem Kopf erklärte, mir aber in seinem Ergebnis nicht sonderlich gefiel. Nun, wenigstens wußte ich bereits da, warum K. mir nachher eine runterhauen würde, anstatt mein ‘Guten Morgen!’ mit einem Lächeln zu erwidern.
Wie immer leicht verspätet, hastete ich in Richtung meines drehstuhlbesetzten Achstunden-Refugiums. In meinem Kopf versuchte ich dabei, die wichtigsten Tagesordnungspunkte des heutigen Büroaufenthaltes zu rekapitulieren und zu einem möglichst sinnstiftenden Ablaufplan zu verarbeiten.
Nichts.
Was mich nicht wirklich überraschte.
Ich muß an dieser Stelle vielleicht weiter ausholen. Schauen Sie mich an, wie ich da den Gang herunterhaste: Wirres Haupthaar. Ohne Krawatte. Ein schlechtsitzendes Hemd. Abgestossene Schuhe. Gürtel…Gürtel? Nein, schon wieder was vergessen! Schauen Sie mich also an, wie ich da den Gang plötzlich sehr viel vorsichtiger herunterlaufe. Die Hosen sitzen nämlich nicht wesentlich besser, als meine Hemden. Ich versuche mich in einem Haifischlächeln (“Morgen, S., Alles klar bei Dir?”) und ernte nur einen mitleidigen Blick, nebst der Gewißheit, daß mein Hai vom Rest der Welt eher als grinsender Hering wahrgenommen wird. Ich mach die gefürchtete Ein-Finger-Knarre (“Hey, wie war das Wochenende”) und kann nur hoffen, daß die von W. gewählte Nummer nicht dem Betriebsarzt gehört. Ich hab ein Handy (das niemals klingelt), ich hab einen Organizer (welcher nie piept) und meine Emailbox gähnt so leer, wie der Papierkorb, der nicht neben meinem Schreibtisch steht (wurde mir auch nicht bewilligt). Ich bin der kleine, dicke Nachbarsjunge auf dem Geburtstag hier. Mit dem feinen Unterschied, daß mich auf dieser Party noch nicht mal die freundlichen, alten Tanten leiden können. Kurz, ich bin der anerkannte Loser in unserem Büro.
Im Vorbeigehen fischte meine Hand durch’s Postfach. Doch anstatt und wie gewöhnlich lediglich Staub zu wischen, blieben meine Finger an einem Briefumschlag hängen. Firmenpost. Wichtig. Persönlich. Aha.
Gewichtig liess ich mich in meinen Drehstuhl knallen, fingerte und fetzte den Umschlag auf. ‘Personalwesen…Sehr geehrter…Aufgrund von…Mit Wirkung zum…Abteilungsleitung…Freundlichen Grüßen’
Draußen stelzte eine Elster, zerrte und riß an der Stoppelfrisur unseres Rasens. Ein leichter Wind wehte ein paar Grasballen über die Wiese, die ansonsten wie ein Sonntagnachmittag aussah. Ungläubig drehte ich das Schreiben in meiner Hand, las es ein weiteres Mal, schaute aus dem Fenster und versuchte dann krampfhaft den Fehler zu finden, der diesen Brief in mein Postfach gelenkt hatte. Mein Name stimmte. Die Addresse stimmte. Das Datum stimmte. Sogar diese kleinen, kryptischen Aktenzeichen schienen richtig zu sein. Ich blickte ein weiteres Mal aus dem Fenster, überlegte krampfhaft, ob ich aufspringen (‘Bwahahahaaa…Ihr Narren, Ihr bemitleidenswerten Narren, ich habe es immer gewußt!!’), mich heimlich in meinen Wagen werfen und davonfahren sollte, oder einfach in hysterisches Schluchzen ausbrechen. Der Rabenvogel blickte mich aus seinen klugen Augen an, half mir in Sachen Entscheidung aber nicht weiter.
Ganz anders, als mein Chef, der plötzlich vor mir stand. “Ostermann…”, schwitzte er Aufregung, wie ich ihn in retour und peinlich anschwieg. Mir schwante allerdings schnell, daß es nicht um das Versäumnis de jour gehen würde, sondern meinen Umzug.
“…Sie meinen, mein eigenes Büro?”, begann mir die Sache langsam zu gefallen, während er mir linkisch einen Arm auf die Schulter legte, um mir mit dem anderen jovial Einlaß in ein frisch geweißtes Dreißigquadrate-Etwas zu gewähren. “Ich bitte Sie, in Ihrer jetzigen, äh, und lassen Sie mich dazu noch einmal meinen ganz persönlichen Glückwunsch…Position…”, beginnt er mich sinnierend zu fixieren.
“Vielerfolg!”, verschwand er mit einem letzten Klopfen auf meine Schulter. Wahrscheinlich konnte er es noch weniger fassen, daß wir uns jetzt auf gleicher Augenhöhe bewegen würden. Zwei Haie im Abteilungsozean. Ha! Zwei Silberrücken. Ha Ha! Zwei Alphawölfe. Zwei…
“Ähem”, unterbrach mich ein Räuspern in meinem Rücken. “Was gibt es”, fragte ich, während ich den Blick aus der deutlich größeren Fensterfront genoss.
“Ich bringen ihnen die Unterlagen, die Sie für die Elf-Uhr-Runde noch durcharbeiten müssen. Die Post. Und alles, was bis heute nachmittag abgezeichnet werden muß.” Frau L. stapelte einen für meinen Geschmack viel zu großen Turm an Heftern auf meinen Tisch, sah dabei aber wenigstens bezaubernd aus. Das selbsterfüllte Klischee der Chefsekretärinnen-Prophezeihung. ‘Warum solltest du nicht auch mal Glück haben, Tiger?!’
“Und…”, lächelte sie mir im Gehen süffisant zu, “dieses Schattenboxen lässt sie wirklich richtig…gefährlich aussehen. Chef.”
To Be Continued