Kulturkritik (III)
Das Fernsehen hassen ist einfach. Das Fernsehen hassen ist eigentlich schon zu einfach. ‘Das Fernsehen hassen’, so ein hochbezahlter Kritiker, der gerade (ge)wichtig in den hinteren Reihen meines Kopfes aufsteht, sich die Brille zurechtschiebt und das über seinen beeindruckenden Bauch spannende Sakko zuknöpft, ’sollte inzwischen schon den Intellekt beleidigen.’ Sätze wie dieser im übrigen auch.
Nachdem man sich dann also mit dieser Bemerkung einen Stuhl am Stammtisch mit dem Schildchen “Elitäres Feuilleton” verdient hat, kann man gleich noch zeigen, daß man im Kopf schon dreißig Jahre älter ist, indem man sich darüber echauffiert, daß früher das Fernsehen besser war. Sowieso alles besser. Und wird dann gleich wieder vom Stuhl gescheucht. Steht da also mit einem halbwarmen Bier in der Kneipe und schaut mißmutig drein, weil man vergessen hat, daß die Philosophie mit dem Gras, welches grüner, in “elitären Feuilleton”-Kreisen nicht gern gehört wird. Axiome, die sich als falsch erwiesen haben, sind nämlich so ein bißchen wie schrullige Verwandte. Man schickt ihnen Karten zum Geburtstag, aber sie sind einem eigentlich recht peinlich.
Jedenfalls, das Fernsehen war nie wirklich besser. Zumindest was meinen zurückverfolgbaren Erlebnishorizont angeht. Und der beginnt nun leider Gottes in etwa erst zu dem Zeitraum, als das Privatfernsehen anfing, seine Todesstrahlen über den Äther zu schicken. Ältere Semester können jetzt wieder Kuhlenkampf und Co. ins Feld führen; bitte, da drüben stehen schon ein paar, nehmt das Bier also am besten gleich mit.
Früher gab’s wohl einfach weniger. Sowohl Fernsehen, als auch Kritiker in den letzten Reihen, die einen mit solchen Bemerkungen auf soziale Nebenschauplätze verschieben konnten. Ich vermute mal, die Leute haben einfach keinen Bock mehr, mit warmen Bieren in der Kneipe zu stehen. Ohne Sitzplatz. Technischere Ansätze behandeln den Füllstand der Batterien für die Fernbedienung. Soziodemografische irgendwelche Kinder, die aus dem Haus sind und die Frau, welche in der Küche aufräumt. Sonst könnte man die ja schicken zum Ausmachen. Und deswegen wird das nicht besser. Wer kritisiert, steht. Oder wird zu Soylent Green verarbeitet. Also halten die Leute den Mund, gucken zur Decke oder ins Internet. Während auf der anderen Seite hektisch versucht wird, die immer weiter wegbrechenden Massen, mit immer flacheren Formaten zu halten. Eine ebenso gigantische, wie letale Brownsche Bewegung des Managements. Meinetwegen auch ein Mahlstrom aus Kurzsichtigkeit, Inkompetenz und Risikoscheue, der unweigerlich in irgendwas Unerfreuliches führen wird. Mit Darmspiegelung.
Na, jedenfalls waren die Nudeln heute abend nicht gerade doll und nachdem in meinen Feedreadern auch nicht viel passiert war, brauchte ich eine Projektionsfläche für meine schlechten Gefühle. Danke, Fernsehen, dafür reicht’s dann doch noch. Wäre ich mal rausgegangen.
Update:
Passend zum Thema: Wenn Fernsehen, dann bitte so.
[Mit bestem Dank an BoingBoing]