Zu Gast bei Feinden

Ich weiß, Bahn-Bashing ist sowas von 1835, aber vielleicht tut sich ja endlich mal was, wenn ich das hier poste und mit Verweis darauf an mehdorn@bahn.de schicke. Oder es als gelungene Warnung dafür verstehen, wie man sein Beschwerdeschreiben nicht verfassen sollte, wenn man eine Antwort haben möchte.

Sogar ein “Fuck, no!” wäre ja langsam mal drin, Jungs.

Sehr geehrte Damen und Herren,

am vergangenen Freitag hatte ich geplant, eine Zugfahrt von Frankfurt/Main nach Calau zu unternehmen. Einmal, weil ich die volksmündliche Lustigkeit einer solchen Bahnfart auf die Probe stellen und zum anderen, weil ich meiner Großmutter beim Umzug helfen wollte.

Zumindest in Sachen Lustigkeit sehe ich allerdings einen gewissen Nachbesserungsbedarf.

Aber ich fange besser vorn an: Die geplante Reiseverbindung können sie ja dem beigelegten Ticket entnehmen. Besonderes Augenmerk bitte ich auf die relativ sportliche Umsteigezeit in Leipzig zu legen, da diese bei der folgenden Geschichte noch eine tragende Rolle spielt. Sportlich sicher auch weniger aufgrund der gar nicht mal so weit auseinander liegenden Gleiskörper, als vielmehr dem Spielraum für eventuelle Verspätungen.

Also stand ich pünktlich um 16:49 auf Gleis 4 des Frankfurter Fernbahnhofs. Interessiert studierte ich die Anzeige, nach welcher der IC in Richtung Passau 60 Minuten verspätet sein sollte. ‘Die armen Schweine’, kicherte ich noch in mich hinein, um dann in den komatösen Wachschlaf zu verfallen, dem der gemeine Bahnsteigwartende anheim fällt, wenn er größere Wartenzeiten in schlecht geheizten Hallen verbringen muss, um dabei sein Vitalsystem nicht völlig aus zu zehren. Dabei hörte ich sommerliche Musik und tagträumte von jungen Frauen und Bierflaschen. In veränderlichen Anteilen. Das eben genannter IC dabei ebenfalls Gleis 4 benutzen sollte, erwähne ich der Stringenz wegen besser noch einmal.

Gegen 17.00 fuhr ein dann ein ICE ein. Ein kurzer Blick auf die Bahnsteiganzeige annoncierte diesen immer noch für Richtung Passau. Also beschloss ich, trotz der einladend aus dem Wagen quellenden Wärme, lieber nicht einzusteigen. Schon weil Oma mit mir in Passau nicht so wirklich etwas anfangen konnte. Weitere Anhaltspunkte, die mich zögern ließen: Der Wagen, für den ich reserviert hatte (31) befand sich nicht im laut Wagenstandsanzeiger zugewiesenen Bereich und ich bilde mir ein, es stand 1502 an dem Zug. Und nicht 1655. Leider stand mir immer noch eine der Bierflaschen tragenden, jungen Frauen in der Sichtlinie und so richtig bemüht habe ich mich nach 1. (Passau) und 2. (Wagen) sowieso nicht mehr, den Zug zu identifizieren.

Um 17:04 verließ dieser Zug den Bahnhof. Die Bahnsteigsanzeige sprang auf die 1655 um, die als unverspätet angezeigt wurde. Aber trotzdem nicht kam. Ein sehr undeutlich sprechender Zeitgenosse aus Asien vertrieb mir die Zeit, als er mich als Dechiffrierungsexperte für seine vom offensichtlich parkinson-erkrankten Reisebüro-Agenten im überbesetzten Dritte-Klasse-Abteil einer Nepal-Hochbergbahn hingeschmierte Verbindungsübersicht einspannte. Während diese nach Entgleisung den K2 gerade wieder herunterrollt. Wo kriegen die Leute eigentlich solche Handschriften her? Nachdem er mich mit vielen Sakeversprechen und “Howard-Carter-san!“’s verabschiedete, stellte ich fest, dass es mittlerweile fast 17:15 war. Und ich so langsam unruhig werden durfte, wenn ich den Umsteiger noch bekommen wollte.

Lustigerweise beschloss der Bahnsteigsanzeiger in diesem Augenblick ein drittes Mal innerhalb von 15 Minuten seinen Kopf zu ändern und mal wieder zu verkünden, dass es doch jetzt Zeit für den “60-Minuten-später”-Special nach Passau wäre.

‘Oha’, schoss es mir da durch den Kopf, ‘das finde ich jetzt aber nicht so komisch, wie eben noch.’ Als der Zug dann gegen 17:20 den Bahnhof endlich verließ und danach ein völlig anderer angezeigt wurde (weder Passau, was ja noch von einem Hauch Ironie gezeugt hätte, noch die 1655), wusste ich, dass die mühevoll zusammen geklickte Reservierung und Omas Lieblingsklavierträger am Arsch waren.

Schließlich würde mich der nächste Zug via Leipzig nach Calau erst gegen 6 Uhr früh dort ankommen lassen und wenn ich ab acht Omas Mühlsteinsammlung durch die Gegend rollern sollte, hätte ich vorher lieber noch ausgeschlafen. Fluchend und erneut buchend, nahm ich eine Passage über Berlin in Anspruch, die leider zeitlich und finanziell so attraktiv wie eine mittelalterliche Leprakranke war. Die schon drei Wochen verscharrt ist.

Daher möchte ich sie bitten, demnächst die Anzeigen auf dem Frankfurter Fernbahnhof doch dahingehend zu justieren, dass sie auch den dort stattfindenden Zugverkehr illustrieren. Oder sie durch einen der letzthin so schrecklich beliebt gewordenen TV-Astrologen ersetzen, damit ich nicht noch einmal den Fehler mache, mir die Wartezeit mit Musik zu vertreiben. Und nicht dem Versuch, die gerade bei Zugverkehr leider sehr schlecht verständlichen Durchsagen aural zu entschlüsseln. Oder ist es Absicht, dass diese von kettenrauchenden Werwölfen mit Lungenödemen gemacht werden?

Besonders freuen würde ich mich, wenn sie mir den üblichen 15-Euro-Erstattungsobulus bei dieser Erstattung mal nicht abziehen würden. Oma sammelt nämlich nicht nur Mühlsteine, sondern hat auch kein Internet und ich konnte meine Erstattung eines Onlinetickets ja leider nicht am Reisemarkt-Schalter und dem selben Tag vornehmen, wie mir der dort angestellte Mitarbeiter versicherte.

Schönen Tag noch!

Update mittags, man meint, hier wird mitgelesen.

Ihr Storno-Auftrag wurde bearbeitet und die entsprechenden Positionen Ihres Auftrags storniert. Wir haben Ihnen den Betrag von 26 EUR abzgl. der Stornogebühren gutgeschrieben.

Ar…mleuchter. Bringt also nichts, der Oma das Internet wegzuflunkern.

2 Antworten zu “Zu Gast bei Feinden”

  1. Andreas sagt:

    natürlich lesen die mit! über seine feinde sollte man immer bestens unterrichtet sein :)
    wäre dir übrigens in calau nicht passiert, da gibt es schon seit jahren keine anzeige mehr und die züge halten gar nicht mehr, sondern fahren im schritttempo (gruß an die rechtschreibreformierer!) durch, damit eventuell vorhandene reisende zu- oder abspringen können. es hat also vorteile, auf dem land zu leben, außer das man ständig omas mühlsteinbeschwerte klaviere tragen muß :)

  2. Notizblog No.21 at slidetone.blog sagt:

    [...] gute Gründe mal wieder mit der Bahn zu fahren findet das [...]

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