Your Oder Has Been Shipped

‘Mazumba!‘ Seit guten vier Stunden sitzen wir jetzt in diesem Käfig von braunem SL 500 und meine Gedanken drehen sich immer wieder um: “Mazumba!” ‘Was?’, fragt mich Andersons scheeler Seitenblick, ’soll damit sein?’ “Wie…hab”, fange ich irritert an zu stammeln, während der Mahlstrom im Ebola-verseuchten Herzen Afrikas abreisst und ich mich plötzlich wieder in mir selbst befinde. Achttausend Kilometer entfernt. In einer herbstkalten Seitenstrasse in Heidelberg. Wartend. Zermürbt. Zitternd. Nur noch von Kaffee und einem Adrenalinspiegel angetrieben, der seit unserer kopflosen Ankunft in Schiphol stetig gesunken ist. “Schon gut”, winkt Anderson ab, “Die Nerven. Ich merk’s selber.”
‘Nerven?’, lache ich bitter in mir auf, ‘Du denkst immer noch, es geht hier um Nerven? Ein verdammtes Formtief?… Kannst…kannst du…oder willst du nicht verstehen, daß dort unten irgendwas Furchtbares passiert sein muß?’ Die Luft voll kehliger Laute, Bewegungen. Spasmisch, im grünen Licht der Überwachungsmonitore, die… Wir sollten eigentlich gar nicht mehr am Leben sein. Wir sollten gar nicht mehr in der Lage sein, diesen gesichtlosen Betonklotz zu observieren. Die Männer mit den grauen Anzügen und den grauen Gesichtern. Verschlossen. Gescheitelt. Und wenigstens Ziehsöhne von Altnazis, wenn man den Gerüchten Glauben schenken darf. Mehr doppelte Böden als im ganzen verdammten Vegas…
Ich muß mein Grübeln in den Griff bekommen! Dieses katzengleiche Streunen der Gedanken durch nächtliche Gassen. Im Müll wühlend. Und dabei nicht merkend, wie die Schatten wachsen. Wie sie an Leben gewinnen, kichernd, mit glüh… ‘Reiß Dich endlich zusammen!’, fahre ich erneut auf. Nichts darf uns ablenken. Eigentlich. Wir funktionieren. Präzise. Mechanisch. Zuverlässig. Wir sind Maschinen, seit wir im Frühjahr vierundsiebzig nach Mombasa gebracht wurden. Eine Woche mit dem Jeep Richtung Süden. Endloser Regen auf verwaschenen, braunen Strassen, braune Wasser und Baumhainen, in der Farbe alter Kakaobohnen. Die toten Tiere am Wegrand, je näher wir der Anlage kamen.
“Was macht die Wunde”, flüchte ich mich in eine Frage an ihn. “Mir ist immer noch kalt”, sinkt Anderson in seinem Mantel zusammen. “Ein Arzt…”, beginne ich. “Ja”, winkt er unwirsch ab, “Hexenarzt vielleicht…” Ich reiche ihm die Thermoskanne und berühre dabei seine Hand. “Du glühst.” Er funkelt mich an. “Mir ist trotzde…”. Plötzlich fängt er an gutural zu keuchen. Krümmt sich zusammen. Hustet. Und wieder dieses kehlige Keuchen. Die Schatten seines Mantels wachsen wie Flügel in der Dunkelheit des plötzlich viel zu eng scheinenden Wagens. Seine Hand presst sich auf die Wunde am Arm und das Keuchen wird zu dem Knurren, was mich seit zwei Tagen selbst im Dämmerschlaf ereilt. Ich starre
ungläubig auf das Bild des Hauptmonitors. Mit fliegenden Fingern bediene ich die Kontrollelemente der Bugkamera, irgendwo im Bauch des Schiffes summen die Servomotoren. Das Bild wird kaum klarer. Hier unten, in der samtenen Schwärze, draußen der Druck vieler Atmosphären, ist die spärliche Ausleuchtung unseres Schiffes das einzige, was den Augen noch Helligkeit spendet. Zu wenig, um die schemenhaften und schnellen Eindrücke von Bewegung zu fangen, die sich gerade soweit vom Licht entfernt halten, um sich nicht näher identifizieren zu lassen. Ich fluche leise, als ich merke, das uns die Scheinwerfer nicht den Gefallen von mehr Lumen machen werden.
Augenblicke später sorgt Roberts mit seinem Übergewicht und seiner Aufregung für einen Anstieg des feinen Niederschlags in der Kommandokabine. “Wir haben sie!”, frohlockt er mampfend, während sein weites T-Shirt die Realitäten in Bezug zu Fastfood-Lieferungen neu definiert. Weiß der Teufelsrochen, aus welchen Tiefen unseres Bootes er immer diese labberigen Sandwiches zaubert. “Ich habe keine Ahnung, was das ist”, gebe ich zurück, “im Augenblick spielt es lediglich mit unseren Betalightern Versteck, wie du sehen kannst.” “Hier unten?”, grinst er überlegen, “Was soll das anderes sein? Für Teufelsangler sind wir schon zweitausend Fuß zu tief und das Lavagestein hat sich bis jetzt nicht wirklich durch Agilität ausgezeichnet.” Kommentarlos drehe ich mich zu den Monitoren der Bioscanner und beginne unsere nähere Umgebung mit Hilfe der unterschiedlichen Spektrumanalysen zu erkunden. Zeit vergeht, die im Summen der Maschinen lediglich durch Roberts unterdrücktes Begeisterungsglucksen in Minuten unterteilt wird; wann immer wieder einer der Schemen in den Grenzbereichen der Lichtkegel auftaucht. “Kannst Du Dir das mal bitte ansehe”, unterbreche ich unwirsch, bevor sein euphorischer Kampf zwischen Luft- und Speiseröhre akute Ausmaße annehmen kann. Die skurile Vorstellung, Roberts hier unten wiederbeleben zu müssen, erleidet kläglichen Schiffbruch in meinem Kopf auf der Suche nach Metaphern. Und für die Kühlkammer ist er eindeutig zu groß geraten. “Das macht keinen Sinn. Die Ergebnisse passen nicht zu dem, was ich dort draußen vermute”, drehe ich resignierend den Monitor in seine Richtung. “Schau Dir die Temperaturwerte an, und die für Protein und Kohlendioxid. Nach dieser Analyse dürften da draußen lediglich ein paar Froschlarven schwimmen und nicht diese…diese…” “Ruhe!”, schneidet er mein Lamentieren ab, “Hör doch mal!” Und plötzlich merke ich, daß das Summen nicht von unseren Motoren stammt, schon gar nicht von den kleinen Kameraservos. Das Ursprung dieses Tones ist nicht bei uns zu suchen. Er kommt von außen. Er stammt von denen, die wir hier beobachten. “Maschinen”, frage ich mit kratziger Stimme und langsam dämmernder Erkenntnis, “Biomasse und Maschinen? Hier unten?” “Keine Ahnung”, flüstert Roberts in das bedrohliche Anschwellen der mechanischen Gesänge, “was im Laufe der
Szeit”, so näselt diese aufgeblasene Witzfigur mir ihre Zweithand-Weisheiten in meinen Drink, “verszeihe alles!” Während er stoisch die Nacht mit seiner Rasierklinge in bitter schmeckende Bahnen teilt, fange ich innerlich an zu kichern. “Alles?”, frage ich, eine Teilmenge aus Unglauben und Amüsement, “Auch…auch das hier?” Meine Armbewegung ist nicht weniger verwaschen als die Situation, umfaßt dabei seinen lächerlichen Anzug mit dem zu spitzen Kragen, den Schulterpolstern, seinen Hut, die Sonnebrille; diesen ganzen Laden mit seiner unerträglich klebrigen Musik, seinen heruntergekommenen C-Klasse-Ganoven, den viel zu süßen Martinis und den Madonnenfiguren aus Gips, die einer nach Plastikgläsern schmeckenden Säkularisation in von Goldglitter durchwirkten Ecken entgegenfristen. Wenn sie dabei Glück haben, irren die Spasmen der Lichtanlage für die Gänze des Abends an ihnen vorüber, anstatt sie, wie die Summe der schlecht toupierten, hochhackigen, viel zu knapp bekleideten und viel zu laut kichernden Mädchen in ekelhafte Neonspots zu setzen. Diese Parade menschlicher Trümmerhaufen wird links und rechts durch ihre Verehrer abgenommen. Kläglich scheiternde Versuche eine Mischung aus Machismo und Mafioso nach außen zu tragen. Wirklich Haie? Nicht in diesem Becken, Amigo.
“Wo ist Deine Problem”, faucht er mich an. “Was stört Dich in meine Laden?” Ich fange an zu glucksen, leise erst, doch dann kann ich das Kichern ebensowenig unterdrücken, wie den Martini, der mir langsam in den Kopf steigt. “Käse”, bringe ich undeutlich heraus, “isdoch alles Käse hier, Mann…” “Waas?” Er schafft es wirklich dieses Wort mit einem herrrrrlich xenoiden Rollen aus seiner Kehle zu bringen und lässt damit die letzten Dämme in mir bersten. “Ja, Mann”, huste ich, “Peccorino zum Tanzen”. Unterschätzt! Im nächsten Augenblick sitzt er auf meinen Brust, sein Atem nur wenige Fingerbreit von meinem Gesicht entfernt, seine rechte Hand drückt ein gemeines, kleines Schnappmesser an meine Wange. Und noch immer kann ich mir nicht helfen. “Käse”, flüstere ich mit einem leisen Lächeln, während eine neue Woge von Gelächter in mir aufbrandet. Dieser Hut, sein zorniger kleiner Schnurrbart… “Käse…”, gluckse ich auch noch, als er mit einem Wutschrei das Messer in meine Wange drückt und ich spüre, wie das Blut warm an mir herunterläuft.
Ein weiterer Beleg dafür, daß “über Musik zu schreiben, wie zu Architektur zu tanzen ist” (W.S. Burroughs; mit besonderem Dank für den Hinweis an Tanith). Wer die Dinger also lieber hören möchte, sollte die üblichen Verdächtigen ansurfen, oder seine Schritte am 28.10. Richtung Slubice und da ins Copacabana lenken. Die Flyer müssen die Hofkinder wohl wie immer vor Ort von den Wänden klauen und können die übliche Tanz-Propaganda deswegen nur in Rückblicken führen.

Introducing außerdem: Neue Rubrik für den ganzen Reviewschmonz.
17. Oktober 2005 um 18:54
[...] Wie Musikstücke in einen bizarren Text passen, dass hat der Mister Lame erneut glänzend in Szene gesetzt. [...]