Knockin’ On Bathroom’s Door
22. Januar 2009Das Infinite Monkey Theorem, eine launige Gedankenspielerei irgendwo zwischen Philosophie und Statistik, kommt, ganz kurz gesagt, zu dem Schluß, daß eine unbegrenzte Anzahl von Affen, welche wild an eben so vielen Schreibmaschinen agieren, in einem unbegrenzten Zeitraum durchaus in der Lage sein sollten, beispielsweise die kompletten Werke von Shakespeare niederzulegen.
Vielleicht täusche ich mich auch, wenn ich von Statistik und Philosophie spreche und man muß den Ursprung viel mehr in einem sehr inputoptimierten Ansatz des Literaturschaffens suchen. Oder einem sehr faulen Kritiker des gleichen. Schließlich scheinen ja ganze Sparten der Musikindustrie heutzutage auf diese Weise halbwegs erfolgreich agieren zu können.
Das Drehbuch meines Lebens wird auf jeden Fall von nicht mehr als fünf Affen geschrieben. Die während der meisten Zeit kreischend an ihrem Stuhl wackeln und sich mit Kot bewerfen, statt anständig in die Tasten zu hauen. Begründet sehe ich das in Ereignissen wie diesem:
Fällt man morgens um halb zehn aus dem Bett und hat es eilig, stehen die Chancen gut, daß ausgerechnet jetzt der WG-Mitbewohner im Bad steht und Nasenhaare zupft. Damit mir sowas nicht mehr passiert, habe ich vor ungefähr fünf Jahren meine letzte WG verlassen und kann mich seitdem ziemlich ungehindert durch die Räume bewegen. Auch zu den beklopptesten Zeiten ohne Rücksicht auf Lärmpegel, schließlich sind die meisten Mieter hier eh altersbedingt schwerhörig.
Oder beschweren sich nicht gerne.
Komisch nur, wenn sich die Badtür keinen Zentimeter bewegen will. Schließlich steht der tageszeitbedingt schlechtriechende Einzelmieter VOR der Tür. Und hat sie gestern ganz sicher nicht von innen abgeschlossen, um dann über das Schrägdach und durch das Küchenfens…andererseits straft ein Blick auf die achtlos in die Ecke gerollte Weinflasche diese Überlegungen durchaus Lügen. Entkräftet sich aber gleich wieder selbst, weil ich nicht mit gebrochenem Knochen vor dem Haus liege.
Ein erneutes Rütteln am Sesam öffnet diesen allerdings immer noch nicht.
Der Blick schweift nach unten und wenn Erkenntnis dämmern kann, bemüht sich die Sonne meines persönliches Verstehens dann doch endlich mal über den Horizont. Ganz beschämt wegen dieser Verspätung wird fix die Gleichung zur Diskussion gestellt, daß bei Unbedacht platzierter Bodenwischer mit voluminösem Wischerkopf aus Metall + Wandfüllender Handtuchständer im Steigleiterdesign auf der einen Seite von der Tür + Rippen-Heizkörper aus den Siebzigern auf der anderen Seite die Chancen gut auf = Nachstellung der beliebten “Lasst uns die Tür mit der Lanze verrammeln”-Szene aus Literatur und Kino ist.
Ich kann es übrigens nicht leiden, wenn ich Recht behalte.
Der eigentlich drängelnde Termin und das weiterhin völlig unsportliche Verhalten des Schließinstruments lassen nur noch drastische Maßnahmen zu. Einen abgerutschen Ziegel später komme ich zu dem Schluß, daß unser Dach in etwa so gut in Schuß wie die Abflußrohre, bei dessen Arteriosklerose-Demonstration mein Vermieter ja auch schon den guten Ratschlag hatte, in Zukunft doch einfach ein paar Gramm weniger durchzuscheißen. Soviel Chuzpe muß belohnt werden, dachte ich mir und warte auch heute noch mit meiner Kündigung, bis die Dinger mal explodieren und ich mir das (Kündigen) wenigstens noch mit einem “Siehste!” für mich verzuckern kann. Scheiße spielt zu dem Zeitpunkt jedoch in erster Linie als vielgeflüstertes Mantra eine Rolle. Ich habe zwischenzeitlich diese gute Idee, durch den Zentimeter, den sich die Tür aufdrücken lässt, den Alugriff des Mop einfach durchzusägen.
Die meisten Nachbarn sind arbeiten, wollen mir nicht öffnen (siehe oben), oder halten Eisensägen für etwas, daß einer Werkzeugkiste nie passieren sollte. Meine eigene Werkzeugkiste mit Eisensägen weilt zu diesem Zeitpunkt übrigens 450 km weiter östlich. Wir haben sie beim Umzug der besseren Hälfte zwar nicht wirklich gebraucht, aber ‘ich brauch das Ding zur Zeit eh kaum noch’, höre ich mich auf die Frage, wann ich die mal wieder mitnehmen will, noch antworten. Und bin damit mindestens so visionär wie Bill Gates und seine 640 kByte.
Also ab nach Mainz und fix so ein Teil besorgt. Wann habt ihr das letzte Mal probiert, in Deutschlands Innenstädten einen Eisenwaren-Laden zu finden? Es gibt Zeitungsläden, T-Shirt-Läden, Schuhläden, Fensterläden, Handy-Läden, Armenische Gemüseläden, Usbekische GemüselädenTürkischeGemüselädenTextillädenBlumenlädenNippesläden
Hardcorepornoläden(Oh! Den kannte ich ja noch gar nicht!)BuchlädenDrogerienApotheken und Haushaltswarenläden. Die schicken einen auf die Frage nach Eisensägen zum Schlüsseldienst, der wiederum auf die Haushaltswarenabteilung der Kaufhäuser verweist, von wo man dann wieder zum Haushaltswarenladen hin geschleust wird. Nach ungefähr zwei dieser traurigen Runde gebe ich das bißchen beknackte Hoffnung auf, daß sich einer dieser Auskunftsgeber doch zu meinem Vorteil irrt und es tatsächlich plötzlich Werkzeuge in diesen Geschäften gibt.
Um halb eins sitze ich wieder in Bischofsheim. Immer noch stinkend. Immer noch vor geschlossener Badezimmertür. Inzwischen verfluche ich auch die Sache mit dem Weizenbier gestern. Oder das ich mir den Kaffee immer mache, bevor ich ins Bad gehe. Eine kurze Inventur meines Rufs hier in der Gegend lässt die Möglichkeit, im nächsten halben Jahr als “Ih, da kommt der Büschescheißer!” adressiert zu werden, gar nicht mal so unattraktiv erscheinen. Aber bevor ich mich mit den Makaken von da oben im Text auf eine Stufe stelle, habe ich die rettende Idee des lokalen Gartenladens hier am Ort. Wo, wenn nicht da, sollte ich Glück bei meiner Suche nach der Säge haben? Einen abgehetzten Lauf später, weiß ich, daß dieser Laden am Mittwoch bereits am Mittag schließt.
Khaaaaaan!
Was bleibt ist der einzig halbwegs greifbare Baumarkt hier in der Nähe. So drei Kilometer an der Bundesstrasse entlang. Und offensichtlich in dem “There be Dragons!”-Teil der Karten sämtlicher Verkehrgesellschaften aus der Gegend hier hochgezogen. Die S-Bahn würde mich an anderer Stelle ausspeien, aber dann eher fünf als drei Kilometer entfernt, die Busse aus Mainz erreichen hier in Bischofsheim ihren muttergeliebten Zenit oder Nadir oder was weiß ich und drehen um und bei Taxi-Hoffmann lande ich in der Endlosschleife. Drei Kilometer latschen? Durch die Hitze? Und nachdem ich schon in Mainz einen Marathon gelaufen war? Eine Viertelstunde Spielerei mit dem mobilen Internet (The service you have requested appears to have timed-out) auf der Suche nach Alternativen, lassen mich dann doch mittlerweile mehr als nur ein wenig säuerlich Richtung Baumarkt und zu Fuß aufbrechen. Der Gewitterregen, der mich auf dem Rückweg überrascht und durchnässt, rundet diesen gelungenen Tag mehr als würdig ab.
Das Ganze jetzt weniger, weil ich heraus streichen will, daß man für dreißig Sekunden Arbeit durchaus fünf Stunden ans Knie binden kann, wenn man ich ist; sondern weil die Kollegen dauernd kichernd wissen wollten, warum ich denn nicht ins Büro kommen will (Geschlechtskrankheiten? Klumpfüsse?). ‘Diese bescheuerte Ausrede’ kann man ja wohl kaum gelten lassen.
In your face:

Mein Leben ist Tatsache so.



